Warum zeige ich meine Tränen nicht?


"Man hat uns gesagt, dass Tränen ein Zeichen von Schwäche sind

- das sind sie nicht.

Tränen können nicht nur deine Augen reinigen, sondern auch dein Herz.

Sie machen dich weicher, es ist eine biologische Strategie, damit du sauber bleibst, damit du unbelastet bleibst."

-Osho-


Ich bin wahnsinnig gut darin, die starke & unabhängige Frau zu spielen.

Ja, diese Rolle kann ich besonders gut. Ich habe sie auch schließlich lange genug einstudiert, um sie perfekt abzuliefern.

Als ich jünger war, musste ich mir diese Rolle zulegen um mich zu schützen, aber jetzt als Erwachsene Frau, wird sie mir zum Verhängnis.

 

In dem Moment, wo es drauf ankommt, spiele ich die Rolle der starken "Kriegerin".

In dem Moment, wo es drauf ankommt, fehlen mir die passenden Worte.

In dem Moment, wo es drauf ankommt, reagiere ich aus dem Verstand und unterdrücke meine Emotionen.

 

Es ist schwer diese Rolle abzulegen, unbewusst verfalle ich immer wieder in die mir bekannten und vertrauten Verhaltensmuster.

In dem Moment, wo es wirklich drauf ankommt, zeige ich mich nicht verletzlich. Ich unterdrücke meinen Schmerz, meine Enttäuschung und meine Tränen. Erst im Nachhinein -im stillen Kämmerlein- lasse ich meinen Emotionen und meinen Tränen freien Lauf. 

 

Dieser eine Moment, wenn man sich voll und ganz auf jemanden einlässt und wenn von jetzt auf gleich alles vorbei ist, bevor es erst

richtig los geht. In diesen Momenten, bin ich meistens still. In mir sackt alles zusammen und ich gerate in eine Art Schockstarre. 

 

Sofort läuft mein unbewusstes Muster ab und ich schlüpfe in die Rolle der lässigen, verständnisvollen & starken "Kriegerin," die über den Dingen steht. Mein Verstand schalltet sich ein und versucht die Situation zu kontrollieren. Der Glaubenssatz "Du darfst nicht schwach sein,"  wirkt unbewusst und ich halte alles zurück, was in mir brodelt. Hinzu, kommt der Wunschgedanke, diesen Menschen nicht komplett zu verlieren. Ich gebe mich Verständnisvoll, lieb und nett, um die eigentlich für mich schmerzhafte Situation, einigermaßen souverän zu meistern. 

 

Nach solchen Momenten, fließen bei mir die Tränen und ich erleide jeden Schmerz aus der Vergangenheit erneut. Natürlich alleine, für mich, im stillen Kämmerlein. Diese Gespräche, finden heutzutage ja auch nicht mehr persönlich statt. Wozu gibt es schließlich das Handy?! ;)

Oder, man macht es sich noch leichter und redet einfach gar nicht. Verschwindet einfach aus dem Leben des anderen, ohne große Worte.

Die Wertschätzung und der Respekt dem anderen Menschen gegenüber, ist vielen leider abhanden gekommen. In solchen Momenten, muss ich demjenigen in die Augen schauen können. Die Augen erzählen mir die Wahrheit, nicht das gesagte oder geschriebene Wort. 

Die Augen, sind die Fenster zur Seele. 

 

Kaum ein Mann hat mich jemals weinen sehen, oder hat meine Wut und Enttäuschung direkt von Anfang an zu spüren bekommen.

Und warum? Weil mein kleines, inneres Kind sich schützen will. Instinktiv, schalte ich in den Schutzmodus und reagiere mit dem Verstand, anstatt aus dem Herzen heraus. Aus Angst, halte ich alles zurück...Meine Wut, meine Trauer, meine Tränen.

 

Wir alle haben dieses kleine Kind in uns. Wir sind zwar schon groß aber wir waren mal Kinder...das vergessen wir häufig.

Als kleines Kind, haben wir Strategien entwickelt und diese wirken noch sehr gut in uns weiter, egal wie alt wir sind.

 

Den Glaubenssatz: "Du darfst nicht schwach sein", habe ich mir im Laufe der Zeit angeeignet.

Dahinter stecken aber ganz wesentliche Glaubenssätze, wie: "Ich bin nicht gut genug!" Oder: "Ich bin nicht liebenswert!"

So wie ich bin, bin ich nicht gut genug oder nicht liebenswert, also muss ich alles verdrängen, was bei anderen nicht gut ankommt. 

Erfahrungsgemäß, sind dies Gefühle wie: Wut, Angst oder Trauer.

 

Das kennen wir doch alle, wenn man lieb und brav ist, wird man geliebt und wenn man wütend seine Meinung sagt, wird man auf's Zimmer geschickt. So oder so ähnlich, hat es sich bei den meisten in der Kindheit abgespielt. Wir haben uns eingeprägt, dass es nicht gut ankommt, wenn man laut wird und es wohl besser ist, lieb und artig zu sein. Das kann man auf alle Situationen beziehen und jeder entwickelt seine ganz eigene Strategie. 

 

Im Teenageralter, hat sich der Glaubenssatz "Du darfst nicht schwach sein," eingebrannt. 

Ich kann ein Liedchen davon singen, wenn es um das Thema Mobbing geht.

Die Schule, wurde ab der 9.Klasse zum Spießrutenlauf. Wie hässlich und gemein Kinder oder Teenager sein können, durfte ich im Alter von

15 Jahren erfahren. Ein ganzes Jahr lang, wurde ich von einer Mitschülerin terrorisiert. Sie hat Gerüchte über mich in Umlauf gebracht und jeden gegen mich aufgehetzt. Als ich geweint habe, wurde ich ausgelacht und verspottet. Ich hatte niemanden und ich habe geweint.

Alleine für mich, -im stillen Kämmerlein-.

 

Wie sehr die junge Seele darunter gelitten hat, habe ich erst jetzt gemerkt.

19 Jahre sind seitdem vergangen. Der Schmerz war jahrelang vergraben und wurde, durch einen einzigen Satz, von einem sehr guten Freund, wieder an die Oberfläche befördert.

 

Meine Vergangenheit hat mich eingeholt...zum Glück! Ich habe verstanden, dass dieses Trauma, so tief verankert war, dass ich gar nicht anders handeln konnte. Das Schreiben, hat mir geholfen, den Schmerz aus der Vergangenheit, zu verarbeiten. Ich habe mir jede Szene nochmal vor Augen geführt...Szenen, die jahrelang verdrängt wurden.

  

Wenn man, gewisse Situationen erlebt und sich immer wieder die gleichen Reaktionen zeigen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

Ich kenne die Gründe und versuche die Glaubenssätze aufzulösen, um eben nicht mehr in diese Rolle zu schlüpfen.

Als Erwachsene Frau, kann ich mich selbst schützen und brauche keine Strategien. Ich möchte mich zeigen, so wie ICH bin, denn: 

 

In dem Moment, wo es drauf ankommt, möchte ich meine Stimme erheben.

In dem Moment, wo es drauf ankommt, möchte ich meine Emotionen ausdrücken. 

In dem Moment, wo es drauf ankommt, möchte ich meine Tränen zeigen.