Ein Akt der Liebe


Seelenhunde hat sie jemand genannt - jene Hunde, die es nur einmal geben wird im Leben, die man begleiten durfte und die einen geführt haben auf andere Wege. Die wie ein Schatten waren und wie die Luft zum Atmen. -Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz-


Mir schießen unendlich viele Gedanken durch den Kopf...ich stelle mir die Frage, warum Hunde mit so einer reinen, liebevollen Seele, nur eine begrenzte Lebensdauer hier auf Erden haben? Ein Blick in ihre Augen genügt und man ist mit purer, reiner Liebe gefüllt.

 

Der Akku der bedingungslosen Liebe war bei mir immer voll. Ein Blick in die Augen meiner Hündin Emma genügte und ein Strom von Liebe und Mitgefühl überflutete mich. Und das alles, ohne große Anstrengung. Emma war einfach nur anwesend...sie knabberte an ihren Pfoten oder einem Leckerli und döste vor sich hin. Am liebsten tat sie das alles in der warmen Sonne. Emma hat die warme Jahreszeit geliebt, es war ihre Zeit. Kein Wunder also, dass sie sich den schönsten Tag der Woche ausgesucht hatte, um uns zu verlassen. Sie hätte sich keinen schöneren Tag aussuchen können. Die Sonne schien, die Vögel im Garten zwitscherten. Ich weiß noch, wie ich sie im Auto auf dem Beifahrersitz auf meinen Schoß nahm, sie sich an meine Brust anlehnte und wir uns von den Sonnenstrahlen wärmen ließen. Ich schloss die Augen und sang ihr ein Mantra vor, welches ich eine Woche zuvor in der Yoga Schule kennengelernt hatte. Mit zitternder Stimme, immer wieder schluchzend und mit großer Anstrengung nicht unter meinen Tränen zusammenzubrechen, ertönte ich das Gayatri Mantra...Ein heiliges Gebet an das göttliche Licht.

 

oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ
tát savitúr váreniyaṃ
bhárgo devásya dhīmahi
dhíyo yó naḥ pracodáyāt

 

Ich habe versucht ruhig zu atmen, um Ruhe auszustrahlen. Sie lag friedlich in meinen Armen und ich verabschiedete mich innerlich von ihr. Die Fahrt in die Tierarztpraxis wollte ich ihr eigentlich ersparen, zu groß war früher ihre Angst vor dem Tierarzt. Sie sollte in vertrauter Umgebung von uns gehen. Das war meine größte Sorge und zugleich mein sehnlichster Wunsch: Möge sie keine Angst haben. Möge ich ihr Frieden und Geborgenheit schenken in dieser schweren Zeit. Immer wieder streichelte ich sie sanft und sang ihr das oben genannte Mantra vor. Es war schon spät und wir hatten die Tierarztpraxis für uns allein. Bei der Ankunft mussten wir noch etwas warten und ich blieb mit ihr im Auto sitzen. Sie lag weiterhin in meinen Armen und ich ließ meine Yoga Playlist im Hintergrund laufen. Die ganze Zeit über redete ich mit ihr. Ich weiß nicht mehr genau was ich ihr alles gesagt habe, ich war wie in Trance. Sie sollte sich auf mich verlassen können, so wie ich mich 12 Jahre lang auf sie verlassen konnte. In diesem entscheidenden Moment kann man all die Liebe bündeln, die uns unsere Vierbeiner zuvor zur Verfügung gestellt haben und hundertfach zurückgeben. Bedingungslose Liebe, auch wenn es bedeutet, diese wundervollen Wesen gehen lassen zu müssen. Auch wenn es bedeutet, Schmerz und Trauer fühlen zu müssen, körperlich sowie seelisch. Auch wenn es bedeutet, innerlich daran zu zerbrechen, weil der Verlust so sehr schmerzt.

 

In der Praxis selbst, ging alles recht schnell, trotzdem hatten wir endlos Zeit. Eine neue Erfahrung für mich, außerhalb von Raum und Zeit zu sein. Es existierte in diesem Moment keine Zeit. Die Mantren liefen ununterbrochen weiter. Die Töne beruhigten Emma und es entstand eine unbeschreiblich schöne Energie. Emmas Gesicht lag auf meinem linken Arm, mit meinem rechten habe ich sie umarmt und ununterbrochen gestreichelt. Sie sollte nicht in einer Sekunde das Gefühl haben müssen, alleine zu sein. Vor ihr stand mein Partner und kraulte ihre Ohren, sie war ringsherum geschützt und von unserer Wärme umgeben. Wie eine Schutzmauer bauten wir uns um sie herum auf. Sie schlief ein, während im Hintergrund ein "Halleluja" ertönte. Das Lied von Deva Premal „so much magnificence“ lief zum Zeitpunkt des Übergangs. Ein so schöner und friedlicher Song. Ich betete innerlich zu den Engeln und rief sie zu uns. Ich habe alles um mich herum ausgeblendet. Vor meinem inneren Auge habe ich Emma gesehen, umgeben von den Engeln. Ich wollte nicht, dass sie Angst hat und alleine die letzte große Reise antritt.  Es war, als hätten mir die Engel ein "Halleluja" zugerufen. 

 

Wir wussten das der Tag X kommen wird. Über 2 Jahre schleppte ich diesen Gedanken mit mir herum. Immer die Sorge, dass etwas in ihr heranwächst, was wir nicht aufhalten können. Wir wussten, dass der Sterbeprozess angefangen hatte und Emma sich auf den Tod vorbereitet hat. Bis zu diesem Tag war mir unklar, wie man erkennt, dass es soweit ist. Ich habe viel gelesen und immer war die Rede davon, dass man es spürt und in den Augen der Tiere sieht. Ich habe ehrlich gesagt gehofft, dass sie von alleine einschläft und uns still und heimlich verlässt. Ihrem Wesen nach zu urteilen dachte ich, dass sie keine fremde Hilfe zulässt. Doch ich konnte sie nicht mehr leiden lassen. Sie hätte aus Liebe zu mir und meiner Familie bis zum Umfallen gekämpft, aber jetzt waren wir am Zug! Jetzt mussten wir ihr den letzten Dienst der Liebe erweisen, das waren wir ihr schuldig. Emma hatte es einfach nicht verdient zu Leiden, sie sollte in Würde von uns gehen. Tiere lieben uns abgöttisch und sie würden alles über sich ergehen lassen, nur um bei uns zu bleiben. Das tun sie, weil sie uns lieben! Wenn der Tag X gekommen ist, liegt es an uns, ihnen diese Liebe zurück zu geben und sie von ihrem Leid zu erlösen!

 

Sie war ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben, der jetzt weggebrochen ist. Sie ist physisch nicht mehr anwesend. Sie rennt nicht mehr wie eine Irre im Kreis und zerrupft vor Freude den Rasen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Da steht niemand Schwänzchen wedelnd vor dem Gartentor und bellt mich an, weil ich doch schnellstmöglich in die Küche gehen soll, um die heißbegehrten Leckerlis zu holen. Mein Rücksitz im Auto ist leer. Da, wo vorher Emma sich den Fahrtwind um die Fell Nase hat wehen lassen und von wo aus sie die anderen Hunde auf der Straße ausgeschimpft hat, da herrscht jetzt Stille. Mein Bett fühlt sich leer an, ich habe plötzlich so viel Platz. Da schnarcht kein kleiner Hund so laut wie ein Mähdrescher. Im leeren Körbchen schleckt sich kein Hund sauber und schmatzt mich in den abendlichen Wahnsinn. 

 

Das Wälzen im Gras, der tägliche Kampf mit der "Bimmelkatze" von Nebenan. Die Spaziergänge an unserem Kraftort, inmitten der Natur. Emma lief nie weit voraus, sie hatte mich immer im Blick und wenn sie kein Bock mehr hatte, lief sie neben mir her und blickte zu mir herauf. Sie war auch kein Stöckchen Fan und mit Bällen konnte sie auch nicht viel anfangen. Andere Hunde interessierten sie nicht, ihr Fokus lag ganz bei uns Menschen. Kunststücke waren ihr Ding, sie war sehr intelligent und es hat ihr so viel Freude bereitet, uns die erlernten Kunststücke vorzuführen. "Sitz, Platz, Rolle, Kriech, Dreh dich oder Check." Ob es jetzt an den Leckerlis lag, die es als Belohnung gab, sei mal dahingestellt. Sie war wie für die Bühne gemacht. Karneval, Nikolaus, Weihnachten…meiner Mutter viel so einiges ein, um Emma zu verkleiden. Und Emma? Sie hielt alles für selbstverständlich, als sei es das normalste der Welt. Emma liebte es lange zu schlafen, während andere Hunde früh morgens ihr Geschäft erledigten, drehte sie sich nochmal um. Sie war verschlafen, verspielt und verfressen…und dass ein Leben lang. Selbst als rüstige Rentnerin, hat sie uns ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ich glaube fest daran, dass das ihre Lebensaufgabe war...Uns zum Lachen zu bringen. Als ich beispielsweise Liebeskummer hatte -und ich hatte oft Liebeskummer- war Emma es, die mich aufgefangen hat und nicht von meiner Seite gewichen ist. Sie war immer für mich da und hat mich wieder zum Lachen gebracht. Emma war meine beste Freundin und wenn ein guter Freund stirbt, dann tut das sehr weh! Die Schmerzen zerreißen einen von innen und brennen sich ins Herz. Enge entsteht und raubt einem die Luft zum Atmen. Der Verlust über dieses reine göttliche Wesen, was so voller purer bedingungsloser Liebe war, lässt einen ins Bodenlose fallen. Der Verstand weiß, dass man richtig gehandelt hat und man sie von den Schmerzen erlöst hat, aber wenn plötzlich die Trauer vor der Tür steht und sie ungefragt einrammt, dann ist der Schock ziemlich heftig. Das Schloss bricht auf, ein lauter Knall ertönt und dann, dann steht sie da und schaut einen erwartungsvoll an. Trauer...eine Emotion, welche ich in dieser Form noch nicht kannte. Alles bei dem ich früher dachte, es würde sich um Trauer handeln, belächle ich jetzt müde. Den Verlust von irgendwelchen Typen, die es rückblickend nicht einmal verdient haben, dass man ihnen auch nur eine Träne nachweint. Das Drama und die Energie, die ich investiert habe, nur weil irgendein Typ aus meinem Leben getreten ist. Diese Zeit und Energie hätte ich lieber in etwas sinnvolleres investieren sollen. In meine Emma oder einer anderen lieben Person in meinem Umfeld zum Beispiel. Das ist es, was ich bereue und das ist es, was ich daraus mitnehme. Ich wusste es damals nicht besser, aber ich kann es für die Zukunft jederzeit ändern! Die Zeit mit seinen liebsten verbringen und diese kostbare Zeit bewusst zu genießen. Eine wichtige Lektion, die mir mein kleiner Buddha gelehrt hat. Emma hat mir so viele Lektionen erteilt, die ich leider erst viel zu spät bemerkt habe. Hingabe, Vertrauen, Liebe; Akzeptanz dessen was ist; Liebe lässt frei und hält nicht aus egoistischen Gründen fest; Nicht an die Zukunft denken oder sich über die Vergangenheit das hübsche Köpfchen zerbrechen, sondern im JETZT leben; Die Kontrolle abgeben und sich dem Leben hingeben. Hier fällt mir ein Zitat ein, welches mich seit Emmas Not-Operation, welche im Jahr 2018 war, begleitet hat: 

Was nicht geschehen soll, wird niemals geschehen,

wie sehr man sich auch darum bemüht.

Und was geschehen soll, wird bestimmt geschehen,

wie sehr man sich auch anstrengt, es zu verhindern.“

– Ramana Maharshi-  

Sie hatte einen geplatzten Milztumor, den man beim Tierarzt nicht entdeckt hat. Sie verlor innerlich Blut und keiner konnte sich erklären wo das ganze Blut abgeblieben war. Selbst in der Tierklinik, wo wir dann schließlich hingeschickt wurden, war man anfangs ratlos. Man wollte Emma über Nacht dort lassen und ihr notfalls eine Bluttransfusion verabreichen. Am späten Abend erhielt ich den Anruf der Klinik, dass sie dringend operieren müssten. Der Tumor war geplatzt und das ganze Blut sickerte in ihren Bauch. Dorthin verschwand also das ganze Blut...Ein vom Tierarzt unbemerkter geplatzter Milztumor, der trotz Ultraschall nicht entdeckt wurde. Wenn es nach dem Tierarzt gegangen wäre, hätte sie sich eine Magen Darm Infektion zugezogen, damit hat er mich einen Tag zuvor nach Hause geschickt. Ich habe auf meine Intuition gehört und bin nochmal hingefahren. Doch diesmal nicht zu ihm, sondern zu seiner Kollegin, die uns dann schließlich aufgrund ihres Bauchgefühls zur Tierklinik geschickt hat. Emma hatte kaum noch Blut in ihrem Körper und die Klinik machte mir wenig Hoffnung, dass sie die OP überleben würde. Sie war eine Kämpferin und hat die Strapazen überstanden. Der Tod hat uns bereits 2018 einen Besuch abgestattet, zwar nur flüchtig, aber dennoch ziemlich eindrucksvoll. Mit Pauken und Trompeten!

 

Emma hat eine große Lücke hinterlassen und diese Lücke muss erstmal wieder gefüllt werden. Die Routinen, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen haben, zerfallen und nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die kleinsten Geräusche, die zum Vorschein kommen, wenn man den Erinnerungen erlaubt da zu sein und sie nicht betäub oder verdrängt. Die Pfoten auf den Fliesen. Das Kratzen an der Tür, wenn es nicht schnell genug ging. Ja selbst das Geräusch, welches ich mit meiner Hand auf dem Sofa erzeugt habe. Als ich mit der Handfläche auf der Stelle klopfte, um sie zu ermutigen, zu mir aufs Sofa zu kommen. Ich sehe Emma dann vor mir, wie sie früher noch aus dem Stand heraufgesprungen ist und im zunehmenden Alter Anlauf nahm, nur um bei mir zu sein. Selbst als es ihr körperlich schlechter ging, hat sie keine Hilfe zugelassen. Ich habe sie dann am Bauch gekrault, bis sie eingeschlafen ist. Das laute Schnarchen und dieses tiefe Vertrauen zu mir. Wir kuschelten in unserer Ecke auf dem Sofa, welche mich jetzt in meiner neuen Wohnung so leer entgegenblickt. Das Sofa ist alles was ich noch habe, alles andere habe ich entsorgt. Das Sofa und die Erinnerungen in meinem Herzen, die niemals aufhören werden zu verblassen. Zu groß war die Freundschaft zwischen uns, zu tief die Liebe.

 

Die Trauer kommt wellenartig. Die Abstände von Schmerz und Leid werden von Tag zu Tag größer, der Tränenfluss weniger und das Lachen dazwischen immer lauter. Manchmal ertappe ich mich beim Gedanken daran, dass ich sie nur bei meinen Eltern abholen brauche. In diesen Momenten klopft die Realität lauthals an der Tür und ich merke, wie die Trauer mich nach unten zieht. Es ist ein auf und ab der Gefühle. Ich lasse sie zu…ALLE! In der einen Minuten bin ich gut drauf und in der nächsten füllen sich meine Augen mit dicken Krokodilstränen und meine verrotzte Nase raubt mir die Luft zum Atmen. Dann sitze ich da mit einem Glas Wein und blicke zum Sternenhimmel…wie in der ersten Nacht ohne Emma. Ich konnte nicht schlafen, mein Kopf dröhnte und meine Augen waren so verquollen, dass ich fast nichts sehen konnte. Ich schnappte mir eine Flasche Wein und stellte mich auf die Dachterrasse. Ich blickte zum Himmel und redete mit Emma. Der Himmel ist wie ein Tor zu einer anderen Welt. Der Anblick beruhigt mich und ich fühle mich Emma sehr nah. 

 

Ich habe in der Vergangenheit immer gesagt, dass ich aus der Wohnung ziehe, wenn Emma nicht mehr bei mir ist. Das ich schon eher ausgezogen bin, war so nicht geplant. Ich musste wegen Eigenbedarf das Feld räumen. Ich wollte ihr einen Umzug ersparen und so ließ ich sie bei meinen Eltern. Sie fühlte sich immer sehr wohl bei ihnen und es war schon immer ihr zweites Zuhause. Plötzlich war mein gesamter Hausrat in meiner neuen Wohnung. Die Seele reist langsamer und so kam es, dass ich in der vierten Nacht heulend und total gereizt, senkrecht im Bett saß. Meine Gedanken waren bei Emma und ich spürte, dass etwas nicht stimmt. Ab diesen Zeitpunkt ging es mit Emma gesundheitlich bergab. Seit meinem Auszug verschlechterte sich ihr Zustand von Tag zu Tag. Es war, als hätte sie nur darauf gewartet. Rückblickend scheint es so, dass sie alles still und heimlich geplant hat. Als ob sie auf jemanden wie meinen Lebensgefährten gewartet hätte. Jemanden, der mich hält und auffängt, wenn sie von uns geht. Jemanden mit einer guten Seele, der für mich da ist und mich tröstet. Es ist, als ob sie gewartet hätte. Darauf, dass ich aus der alten Wohnung aus und in die neue einziehe…weit weg von der alten, wo mich alles an sie erinnert. Sie hatte einen Plan, sie hat sich ganz langsam und unauffällig auf ihren Abschied vorbereitet. Ich konnte nicht mit ansehen, wie ihr Körper immer steifer wurde und wie krampfhaft sie versuchte, sich abzulegen oder aufzustehen. Den körperlichen Verfall wollte ich anfangs nicht wahrhaben. Ich habe mich gegen die Vorstellung gesträubt. Doch es war, als hätte sie mir zugeflüstert: 

 

„Vertraue mir, ich weiß was ich tue.“ „Bitte tu es mir nach und gib dich der Situation hin, lass es zu, lass los!“

 

Hinter all den Schmerz, der Trauer, den Tränen, verbirgt sich unendliche Liebe. Die Liebe zu einem besonderen Wesen. Meinen Schutzengel auf vier Pfoten, meiner Seelengefährtin und besten Freundin. Mit meinen Erinnerungen halte ich sie lebendig. Loslassen heißt nicht, dass ich mit dem was war, für immer abschließe. Das würde ja bedeuten, dass ich auch mit meinen Erinnerungen abschließen müsste! Loslassen bedeutet für mich, den Schmerz und die Schwere loszulassen, die einen nach unten ziehen. Emma würde es nicht wollen und es würde Emma auch nicht gerecht! Sie war so ein lebenslustiger und fröhlicher Hund, sie war voller Energie. Sie hat gestrahlt und uns alle zum Lachen gebracht. Ja selbst die Nachbarschaft meiner Eltern hat sie verzaubert. Kein Wunder, Emma war einfach etwas Besonderes. Sie war kein gewöhnlicher Hund, sie hatte diesen besonderen Charme.   

Es kommt vor, dass ich nachts aufwache und ihre Anwesenheit spüre. Ich spüre, wie sie sich an mich kuschelt und ihre langen Hinterläufe ausstreckt, oder wie sie mit ihrer Schnauze ganz nah an mein Ohr kommt und daran schnüffelt. So spüre ich sie, so zeigt sie sich mir. Sie erscheint mir in meinen Träumen oder kommuniziert durch diese mit mir. So habe ich vor nicht allzu langer Zeit, von einem fremden Hund geträumt, der rötliches Fell hatte und einen dunklen Ring um eines seiner Augen. Oder ich wache mit einem Ohrwurm auf, den sie mir zugeflüstert hat:

 

Let's go for a little walk

...

Es sind Momente wie jetzt, die mein Herz schwer werden lassen, weil ich sie so sehr vermisse. Heute Abend zum Beispiel, wenn ich wie früher an einem Samstagabend auf dem Sofa lag und mir einen guten Film angeschaut habe. Wenn ich mir etwas zu Essen bestellt und eine Flasche Wein geöffnet habe. Mit einer Maske im Gesicht, dick eingekuschelt und mit Emma auf dem Schoß. Ich habe diese Abende immer "Mädels Abend "genannt. Emma und ich, pure, reine Freundschaft. Eine Verbindung, die über den Tod hinausgeht. Aus dem Nichts fange ich an zu heulen, weil die Erinnerungen vor meinem geistigen Auge lebendig werden und ich schmerzlich begreifen muss, dass ich diese Abende in dieser Form nie wieder so erleben werde. Ich habe diese Abende am Wochenende geliebt. Ziemlich ungewöhnlich für eine junge Frau, die lange Zeit Single war. Ich habe die stillen, ruhigen Abende mit Emma vorgezogen. Diese Zeit hat mich mehr genährt als jede langweilige Party, mit den immer gleichen Gesichtern. Emma hat sich auf dem Sofa in meine Arme fallen lassen, so dass ich ihren Bauch kraulen konnte. Ich habe sie dann nah an mich heran gedrückt, ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und ihr zugeflüstert, dass sie mir versprechen muss, mich niemals zu verlassen. Schon bei dem Gedanken daran, sie irgendwann zu verlieren, musste ich Rotz und Wasser heulen. Und Emma? Emma guckte mich nur irritiert an und verzog sich in ihr Körbchen oder ging ins Bett. :) Ja, sie durfte von Anfang an in meinem Bett schlafen, in ihrem Körbchen hat es nämlich gespukt ;). Sie hat sich immer so breit gemacht, dass ich kaum Platz hatte. Sie hat manchmal laut geschnarcht und wild geträumt. Das ich das alles so nicht mehr erleben werde, macht mich sehr traurig. Ich vermisse sie sehr! Mir gibt der Gedanke halt, dass sie trotzdem bei mir ist und „nur“ den Raum gewechselt hat. Ich glaube fest daran, dass Emmas Seele nur die Räume gewechselt hat. Ihr Versprechen hat sie übrigens gehalten, sie wird immer bei mir sein. Wenn auch nicht in physischer Gestalt, dann als mein Spirit, der mir immer beiseite steht. 

 

Es wird Herbst, der erste Herbst ohne Emma. So wird es mir wohl mit vielen Erinnerungen ergehen...Ich lebe zwar nicht mehr in der Wohnung, wo Emma und ich 12 Jahre lang zusammen verbracht haben aber die Erinnerungen bleiben und es ist ihnen egal, wo ich mich gerade aufhalte. Auch wenn die Wohnung, in der ich jetzt lebe, nichts mit Emma in Verbindung bringt, außer meinen Tränen, die ich hier um sie vergossen habe, so erinnert mich der Jahreszeitenwechsel daran. Die Herbstspaziergänge bei Sonnenschein...der goldene Herbst. Da waren nur Emma und ich, inmitten der Natur. In unserem Garten stand ein großer Kirschbaum, der im Herbst seine Blätter fallen ließ. In diesem Blätterhaufen hat sie sich gerne gewälzt und als sie fertig war, klebten überall Blätter an ihrem Fell. Es sind Kleinigkeiten, an die man sich erinnert, die unscheinbaren Dinge, die sich tief einbrennen und unvergessen bleiben. Jedes dieser Blätter, wie Spuren im Sand.

 

Es gibt Phasen, da komme ich wunderbar durch den Tag, ja sogar durch die gesamte Woche. Wenn ich in einen dieser Phasen an Emma denke, dann trage ich mein schönstes Lächeln. Dann wiederum gibt es Phasen, da reicht eine winzige Erinnerung und ich falle in ein tiefes Loch. Alles wird schwer und ich fühle mich innerlich zerrissen. Es fühlt sich chaotisch und unvollständig an. In diesen Phasen verfluche ich alles um mich herum. Dieses undefinierbare Gefühl von innerer Zerrissenheit wandelt sich kurzerhand um in tiefe Trauer und dicke Tränen fließen mir die Wangen runter. Die Trauer bahnt sich so ihren Weg und es ist zwecklos sie in diesen Momenten zu verdrängen. Hinzu kommt, dass ich wütend auf mich selbst bin, weil die Ungeduld mich plagt. Ich weiß, dass der Tod dazugehört. Ich weiß, dass Emma bei mir ist. Ich weiß, dass die Liebe erhalten bleibt…Doch all dieses Wissen, bewahrt mich nun mal nicht vor dem Vermissen und der Trauer, um den Verlust meines geliebten Vierbeiners. Naiverweise habe ich gehofft, dass dieses Wissen den Trauerprozess beschleunigen wird und ich nach kürzester Zeit wieder mit voller Energie ins Leben zurückkehren werde. Doch, dem war nicht so. Der Trauerprozess hat sich auf unterschiedlichster Weise bei mir bemerkbar gemacht. So versuchte ich beispielsweise die Lücke mit sinnlosen Dingen zu stopfen. Ich bin munter drauf losgezogen und shoppte was das Zeug hielt. Meine EC-Karte meckerte noch lauthals, bevor sie ganz verstummte und nichts mehr auf meinem Konto zu holen war. Diese Scheißegal Einstellung die unweigerlich auftaucht, kann ganz schön teuer werden ;). Aber auch körperlich war die Trauer deutlich spürbar. Mein Körper ziepte und zwickte an allen Ecken und Kanten. Angefangen mit unerklärlichen Schmerzen im Arm und der Schulter über einen Bänderriss, den ich mir beim Sturz mit dem Fahrrad zugezogen hatte. Gefolgt von Rücken und Nackenschmerzen, weil ich wochenlang meiner Yoga Praxis nicht nachgehen konnte. Von den vielen Erkältungen mal ganz abgesehen, weil mein Immunsystem komplett im Keller war. Mein Körper war eine einzige Blockade. ;) Wenn die Seele schreit, lässt sie es uns über unseren Körper spüren.

 

Körper, Geist & Seele; 

 

In Zukunft werde ich einfach viel besser auf mich Acht geben. Ich werde auf meinen Körper hören, deutlich mehr den Schongang einlegen, Stress vermeiden, mich gesund ernähren, körperlich betätigen, an die frische Luft gehen, meinen Partner umarmen und dankbar sein, für die lieben Menschen um mich herum. Ich sollte einfach geduldiger mit mir sein und mir alle Zeit der Welt geben, damit die Wunde heilen kann. 

 

Die Monate in Angst und Trauer haben Spuren hinterlassen. Mein Körper war eng und schmerzte und mein Leuchten war verschwunden. Ich war ein Schatten meiner selbst. Ich funktionierte nur noch und hoffte bei jeglicher Unternehmung auf ein Wunder. "Mein Leuchten kommt zurück, wenn ich doch nur ein kleines bisschen Entspannung erlangen würde." Ein Wellness Wochenende sollte die Lösung sein. Meine gesamten Erwartungen lagen in diesem verdammten Wochenende und ich war bitterlich enttäuscht, als die Therme nicht die erhoffte Entspannung brachte. Frust und Streit waren vorprogrammiert…Ich sag es Euch, diese verdammten Erwartungen! Mein Partner hat einen ganz entscheidenden Satz fallen lassen, der alles änderte: „Dein Glück findest du nur in dir und nicht in irgendeiner Therme!“ Und ja, recht hatte er! Mein Leuchten finde ich nicht in Bad Salzuflen im Sole Becken, sondern in mir! In meinen täglichen Yoga Stunden, in meiner spirituellen Praxis, in einem gesunden Körper. Meine Yoga Stunden, egal ob für mich selbst oder für andere, widme ich von nun an meiner Emma. Ich habe sie immer dabei, im Herzen aber auch als kleines Foto in einen wunderschönen Bilderrahmen. Ihre Energie trägt mich durch die Yoga Stunde und zum Ende spielt Spotify jenes Mantra ab, bei welchem sie für immer friedlich eingeschlafen ist. Ich könnte den Song auch ausmachen, aber ich lasse ihn bewusst laufen. Ich heule Rotz und Wasser, umarme mich und stelle mir vor, wie ich Emma im Arm halte. Ich heule, ich rede mit ihr und lasse allen Emotionen freien Lauf. Ich erlaube es mir! Die Zeit kurz nach dem Yoga, wenn dieses Lied ertönt, ist meine Trauerzeit. Fast jeden Tag räume ich mir diese Zeit ganz bewusst ein. Wie lange ich das noch so mache? Das Spielt keine Rolle! Und wenn ich es bis zum Rest meines Lebens mache. Es ist ein guter Weg in Richtung Heilung. Die Wunde heilt und eine weitere Narbe macht sich in meinem Herzen breit. Eine dicke, fette, lange Narbe, die mich für immer an meine Hündin Emma erinnern wird. An diese wundervolle Seele, die mein Leben bereichert hat. Ich danke dir mein Seelenhund, du hast mir gezeigt was Liebe bedeutet. Ich liebe dich mein Mausebär.